Neuer Vorstand gewählt

Am 11. Dezember 2021 wählten die Mitglieder der Gesellschaft für Theatergeschichte auf ihrer Mitgliederversammlung turnusgemäß einen neuen Vorstand.

Für den langjährigen Ersten Schatzmeister Dr. Ralf Schuster, der nicht erneut kandidierte, wurde Carsten Jung gewählt. Die übrigen Vorstandsmitglieder wurden in ihren Positionen bestätigt.

Der Vorstand besteht nun aus:

Vorsitzender: Paul S. Ulrich
Erster Schriftführer: Stephan Dörschel
Zweiter Schriftführer: Frank-Rüdiger Berger
Erster Schatzmeister: Carsten Jung
Zweite Schatzmeisterin: Dr. Lea-Sophie Schiel

 

Wissenschaftlicher Ausschuss für 2022

Aus seiner ersten Vorstandssitzung bestimmte der neue Vorstand den Wissenschaftlichen Ausschuss für 2022.

Dem Gremium werden Prof. Dr. Stefan Hulfeld (Universität Wien), Prof. Dr. Matthias Warstat (Freie Universität Berlin) sowie die Vorstandsmitglieder Dr. Lea-Sophie Schiel und Stephan Dörschel angehören.

 

Nachruf Dr. Lothar Schirmer

Dr. Lothar Schirmer
20.11.1943 in Mülheim an der Ruhr – 5.12.2021 in Potsdam

Ein Nachruf

Lothar Schirmer muss ich in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre begegnet sein, nachdem ich im Theaterarchiv der Berliner Akademie der Künste begonnen hatte zu arbeiten. Er war unser Gegenüber in der Stiftung Stadtmuseum Berlin – Leiter der dortigen Theatersammlung. Der hochgewachsene, schlanke, immer sehr elegant, aber auch immer in schwarz gekleidete Herr wurde auf öffentlichen Veranstaltungen regelmäßig von seiner ebenso eleganten, schwarz gekleideten Frau begleitet. Seine Bewegungen hatten etwas Fließendes, beinahe könnte man sagen: Raubtierhaftes – ein schwarzer Panther fiel mir damals spontan dazu ein und diese Assoziation hat etwas: schwarze Panther sind entweder Leoparden (Afrika und Asien) oder Jaguare (Süd- und Mittelamerika) – sie stellen keine eigene Art dar. Lothar Schirmer, den man zu einem der bedeutendsten Vertreter in der überaus überschaubaren Reihe der Theaterhistoriker und Theatersammlungsleiter zählen kann, erschien mir immer als jemand, der aus seiner sehr speziellen Art geschlagen war, der seinen eigentlichen Beruf verfehlt hatte: Zu scharf war sein Verstand, um in der bunten irrlichternden Welt des Theaters zu Hause sein können, zu scharf aber auch sein Humor, um mit der nötigen und erwarteten Demut potentielle Archivgeber*nnen umgarnen zu können. Dass er beides aber konnte: sowohl zu Hause sein im Theater, wie auch sich zurückzunehmen im Kontakt mit Künstler*nnen, konnte ich immer wieder erstaunt-begeistert feststellen.

1977 erschien im Peter Lang Verlag seine Disertation „Avantgardistische und traditionelle Aspekte im Theater von Eugène Ionesco. Zur Rezeption von „Die kahle Sängerin“ auf deutschsprachigen Bühnen.“ Promoviert hatte er bei Prof. Wolfgang Baumgart am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin. Er gehörte dort aber auch zu dem Kreis um Prof. Walter Huder, dem Archivdirektor an der Westberliner Akademie der Künste und einer der Begründer der Exilforschung – ein Thema, das Lothar Schirmer sein Leben lang begleiten wird.

1989 wurde er als Oberkustos mit dem Aufbau einer Theatersammlung im Berlin Museum beauftragt und begann systematisch und mit großem analytischen Sachverstand eine der umfangreichsten und inhaltsreichsten Theatersammlungen im deutschsprachigen Raum aufzubauen. Nach der Vereinigung mit dem Ostberliner Märkischen Museum im Jahre 1995 im Zuge der deutschen Vereinigung erhielt die Sammlung, der zuerst Dr. Ruth Freydank vorstand, einen erheblichen Zuwachs. Lothar Schirmer wurde im selben Jahr Leiter der Theatersammlung der Stiftung Stadtmuseum Berlin und erhielt die Möglichkeit, im historischen Nicolaihaus in der Brüderstraße, Berlin-Mitte, in vier Ausstellungen exemplarisch die Berliner Theatergeschichte nach 1945 zu präsentieren. Jede Ausstellung wurde von einem Katalog begleitet, in dem auch die damals noch zahlreichen Mitarbeiter*nnen Schirmers Beiträge veröffentlichten. Lothar Schirmer dokumentierte hier, wie ein Berliner Theatermuseum seiner Ansicht nach zu konstituieren sei: Als Teil eines kulturgeschichtlichen Museums! Aber nicht nur in Theaterausstellungen, auch in den stadtgeschichtlichen Ausstellungsformaten der Stiftung spielten das Theater, der Zirkus, aber auch Sonderformen wie z.B. das Papiertheater, immer eine bemerkenswerte Rolle. Für Lothar Schirmer bedeutete Theatergeschichte nicht nur einen abgegrenzten Bezirk wissenschaftlicher Betrachtung, sondern war und blieb eingebettet in eine Kultur- und Sozialgeschichte.

Lothar Schirmer hat seit seinem Studium regelmäßig größere und kleinere Abhandlungen veröffentlicht, die auf der Webseite der Gesellschaft für Theatergeschichte dokumentiert sind. Daraus lässt sich ersehen, dass einer seiner Schwerpunkte in dem Verfassen von Rollenverzeichnissen von Schauspielern lag – für jeden Zeit- und Theaterhistoriker eine wertvolle Quelle, für jeden, der sich daran einmal versucht hat, eine manchmal mühselige, aber vor allem akribische Fleißarbeit. In einer vergleichbaren Fleißarbeit begegnete ich Lothar Schirmer, der seit 1994 als erster Schatzmeister im Vorstand der Gesellschaft für Theatergeschichte tätig war, bei der Vorbereitung des Doppelbandes 78 der Schriftenreihe: „Das Jahr 1848. Kultur in Berlin im Spiegel der Vossischen Zeitung.“ Ausgehend von der Dokumentation Paul S. Ulrichs für die Zentral- und Landesbibliothek Berlin zum Revolutionsjahr 1848 wurde hier wirklich jeder Eintrag, jeder Vor- und Nachname akribisch abgeklopft, nachrecherchiert und in ein nicht unkompliziertes Layout eingepasst. Die Besprechungen fanden völlig unkonventionell in Luckies Pizzeria in Kreuzberg statt – auch das entsprach seinem persönlichen Lebensstil. Ich lernte dabei viel über die detektivische Kombinationsgabe, die Lust an den Rechercheergebnissen, aber auch über das mühselige Zusammentragen und das Eingeständnis, bestimmte Fakten nach 150 Jahren nicht mehr zur Verfügung zu haben. Sein Engagement in der Gesellschaft, der er 20 Jahre als erster Schatzmeister zur Verfügung stand, war bemerkenswert. 1994 in den Vorstand gewählt, brach in den Folgejahren nach und nach der Vorstand und damit auch die Tätigkeit der Gesellschaft weg – allein der erste Schatzmeister Lothar Schirmer hielt mit einer Reihe von Veröffentlichungen nach außen die Tätigkeit weiter aufrecht. 2005 entschied er sich, den Vorstand neu zu besetzen, tat dies aber nicht durch vorherige Absprachen, sondern indem er die betreffenden Personen auf der Mitgliederversammlung mit ihrer Nominierung überraschte. So gerieten der Theaterwissenschaftler Paul S. Ulrich und ich in den Vorstand, dem Schirmer bis 2014 angehörte. Ein persönliches Anliegen war ihm 2013 die versuchte Rekonstruktion von „Die Frühzeit des Weimarischen Hoftheaters unter Goethes Leitung (1791 bis 1798). Nach den Quellen bearbeitet von Bruno Th. Satori-Neumann.“ 1922 veröffentlichte der Max Herrmann-Schüler Satori-Neumann als Band 31 der Schriftenreihe angeblich aus Papiermangel lediglich ein Fragment seiner umfassenden theater-, zeit- und sozialgeschichtlich angelegten Untersuchung. In der Sammlung Walter Unruh im Institut für Theaterwissenschaft der Feien Universität Berlin lagen dazu weitere Unterlagen. Trotz akribischer Nachforschung mussten auch die beiden 2013 erschienenen und von Schirmer kommentierten Bände Fragment bleiben. Seine letzte Publikation in der Gesellschaft schließt an seine erste an: 1991 erschien als Kleine Schrift Heft 36 die Aufsatzsammlung „Aus Trümmern erstanden. Theater in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg“ und 2015 gab er im Auftrag der Gesellschaft Heft 47 die Aufsatzsammlung „Aspekte des deutschen Theaters im 20. Jahrhundert.“ heraus. Die Gesellschaft ehrte ihn zweimal: 2008 schenkte sie der Stiftung Stadtmuseum Berlin auf seinen Vorschlag hin das Albert-Steinrück-Gemälde von Alfred Sohn-Rethel, das bei jener legendären Albert-Steinrück-Gedenkveranstaltung 1929 auf der Bühne des Schauspielhauses am Gendarmenmarkt hing. Bei seinem Ausscheiden aus dem Vorstand 2014 machte sie ihn zu ihrem Ehrenmitglied. Er prägte mit seiner wissenschaftlichen Lauterkeit, seinem theaterhistorischem Enthusiasmus und seinem nie an die Öffentlichkeit drängenden Ethos die Gesellschaft nachhaltig.


19.12.2021
Stephan Dörschel

Die Publikationsliste von Dr. Lothar Schirmer finden Sie hier.

 

Max-Herrmann-Dissertationspreis der Gesellschaft für Theatergeschichte 2021

Preisverleihung an Robert Sollich

Am 11. Dezember 2021 fand im Hörsaal des Instituts für Theaterwissenschaft der FU Berlin die Verleihung des Max-Herrmann-Dissertationspreises der Gesellschaft für Theatergeschichte 2021 an Robert Sollich für seine Arbeit Die Kunst des Skandals. Eine deutsche Operngeschichte seit 1945 (Freie Universität Berlin 2019) statt.

Prof. Dr. Matthias Warstat / FU Berlin und Paul S. Ulrich / Gesellschaft für Theatergeschichte begrüßten die Gäste und Stephan Dörschel erinnerte an den Namensgeber des Preises Max Herrmann, den Gründungsvater der Berliner Theaterwissenschaft und langjährigen Vorsitzenden der Gesellschaft für Theatergeschichte.
Nach der Laudatio von Prof. Dr. Dr. hc. Erika Fischer-Lichte überreichte Paul S. Ulrich die Urkunde. In seinen Dankesworten berichtete Robert Sollich vom Entstehungsprozess seiner Arbeit und stellte zwei der behandelten Opernproduktionen exemplarisch vor.

In der Begründung der Jury heißt es:

„Die umfangreiche Studie von Robert Sollich vollzieht die deutsche (auch deutsch-deutsche) Operngeschichte nach 1945 – die Fokussierung auf „Oper“ innerhalb des breiteren Begriffsverständnisses von „Musiktheater“ ist für die Argumentation maßgebend – als Folge von wohl als kanonisch zu bezeichnenden Skandalereignissen und kontrovers rezipierten ästhetischen Konzepten nach. Den theoretischen Bezugsrahmen gibt neben skandaltheoretischen Positionen der Soziologie, die im Wesentlichen den politischen Skandal adressieren, Pierre Bourdieus Feldtheorie vor. Ein Schwerpunkt des präsentierten Materials liegt auf einschlägigen Etappen und Produktionen der neueren Geschichte der Bayreuther Festspiele (namentlich Wieland Wagners Inszenierungen von Die Meistersinger von Nürnberg, Götz Friedrichs Tannhäuser und Patrice Chéreaus Der Ring des Nibelungen). Verf. begreift die von ihm vorgestellten Ereignisse als zentrale[] potentielle[] historische[] Umschlagpunkte[] der Operngeschichte“ (S. 522). Zu den wichtigen Ergebnissen der detail- und wendungsreichen Analysen gehört die Konstatierung einer „wesenhaften Unschärfe von Theaterskandalen“ (ebd.). […]
Demgegenüber erkannte die Jury in der Arbeit von Robert Sollich die von der Gesellschaft für Theatergeschichte formulierten Vergabekriterien in hohem Maße erfüllt: die fleißige und materialreiche, auf einer breiten Basis theoretischer Positionen operierende Studie kann für sich in Anspruch nehmen, zur Grundlagenforschung beigetragen und ihr Thema, den Opern-/Theaterskandal, dem die Forschung bislang lediglich am Rande Aufmerksamkeit geschenkt hat, auf beachtlichem Reflexionsniveau behandelt zu haben.“

Die Jury bestand aus Prof. Dr. Stefan Hulfeld, Dr. Wolfgang Jansen, Prof. Dr. Marion Linhardt (Sprecherin), Dr. Britta Marzi und Dr. Lea-Sophie Schiel.

Die Laudatio von Prof. Dr. Dr. hc. Erika Fischer-Lichte finden Sie hier.

Die Veröffentlichung der Arbeit von Robert Sollich wird demnächst im Wehrhahn-Verlag erfolgen.

 

 

Max-Herrmann-Dissertationspreis der Gesellschaft für Theatergeschichte 2022

Ausschreibung

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Gesellschaft für Theatergeschichte lobt auch in diesem Jahr ihren Max-Herrmann-Dissertationspreis aus: Wir bitten um die Einreichung von herausragenden Doktorarbeiten mit theaterhistorischem Inhalt gemäß der Satzung.

Der Preis heißt in Erinnerung an Max Herrmann, den 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt unwürdig ums Leben gekommenen Begründer der Berliner Theaterwissenschaft, Max-Herrmann-Dissertationspreis der Gesellschaft für Theatergeschichte und soll zusammen mit dem Max-Herrmann-Preis der Freunde der Staatsbibliothek Berlin verliehen werden.

Wir weisen auf die in der Satzung vorgesehene Einreichungsfrist bis zum 31. Dezember 2021 ausdrücklich hin und bitten um rege Beteiligung, Weitergabe dieser Ausschreibung und der Satzung des Preises – und sind natürlich sehr gespannt!

Die Satzung des Max-Herrmann-Dissertationspreises der Gesellschaft für Theatergeschichte mit den entsprechenden Informationen finden Sie hier.

 

Bd. 82 der Schriften der Gesellschaft für Theatergeschichte erschienen

„Enthusiasmus ist noch zu wenig gesagt“ Die Stars des romantischen Balletts: sechs biographische Pas de deux

Frank-Rüdiger Berger:

„Enthusiasmus ist noch zu wenig gesagt“
Die Stars des romantischen Balletts: sechs biographische Pas de deux
(= Schriften der Gesellschaft für Theatergeschichte, Bd. 82)
Hardcover, 340 S. (Register von Paul S. Ulrich)
90 teils ganzseitige Farbabbildungen
ISBN 978-3-924955-23-6
59,- €

Das Inhaltsverzeichnis finden Sie hier.
 

Die Gesellschaft hat in ihrer über 100jährigen Geschichte noch keine explizit dem Bühnentanz gewidmete Publikation herausgegeben! Unser Vorstandsmitglied Frank-Rüdiger Berger hat dafür auf seine Vortragsreihen zum romantischen Ballett zurückgegriffen und diese, insbesondere hinsichtlich der Berliner Ballettgeschichte, durch weitere Forschungen ergänzt. Es ist außerordentlich spannend zu erfahren, wie es auch immer wieder die Frauen sind, die hier in einer Männerdomäne nicht nur als Objekt ästhetischer Projektionen dienen, sondern durchaus auch leitend, d. h. hier choreographierend die Entwicklung vorantreiben und bestimmen. Mit seinen zahlreichen zeitgenössischen Illustrationen und Zitaten vermittelt dieses Buch aber auch die ästhetischen Vorstellungen des romantischen Balletts in der bildenden Kunst und Literatur. Theater ist hier ein genreübergreifendes Phänomen. (Stephan Dörschel)

 

Die Mitglieder der Gesellschaft für Theatergeschichte haben den Band im Rahmen ihrer Mitgliedschaft erhalten.

Interessierte Nicht-Mitglieder können den Band bestellen über:

Gesellschaft für Theatergeschichte e. V.
Herrn Stephan Dörschel
E-Mail schriftfuehrer1@theatergeschichte.org

 

Bibliographische Mitteilungen aus der Theatersammlung Rainer Theobald

Neu: Max Reinhardt und seine Bühnen - Rollen- und Szenenfotos

Wir freuen uns, die Bibliographischen Mitteilungen aus der Theatersammlung Rainer Theobald um ein zweites Verzeichnis zu Max Reinhardt und seinen Bühnen erweitern zu können, und zwar um die umfangreiche Sammlung von Rollen- und Szenenfotos.

Außerdem wurde das Verzeichnis der Schriften, Theaterzettel und Sekundärliteratur zu Max Reinhardt um weitere Einträge ergänzt.

Sie gelangen zu den Bibliographischen Mitteilungen über den Menüpunkt „Publikationen/sonstige Ressourcen und Quellen“ bzw. diesen Link.

 

Max-Herrmann-Dissertationspreis der Gesellschaft für Theatergeschichte 2020

Preis verliehen an Senad Halilbašić

Erstmals zeichnete die Gesellschaft für Theatergeschichte in diesem Jahr eine herausragende theatergeschichtliche Dissertation mit dem neu ausgelobten Max-Herrmann-Dissertationspreis der Gesellschaft für Theatergeschichte aus.

Der Vorstand der Gesellschaft erkannte den Preis auf Vorschlag der Jury Senad Halilbašić für seine Arbeit „Spielende und Zuschauende sowie eine Granate, die weit genug weg ist“. Theater in Bosnien und Herzegowina 1992-1995 zu.

Die Preisverleihung fand am 21. Oktober 2020 in einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Preisverleihung des Max-Herrmann-Preises der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin statt. Die Laudatio hielt Stephan Dörschel. Senad Halilbašić schloss in seine Danksagung einen flammenden Appell für das lebendige Theater ein, gerade auch in Krisenzeiten, wie es damals in Bosnien war und wie es heute durch die Covid19- Pandemie ist.

In der Begründung der Jury heißt es:
„Die Dissertationsschrift bietet Theatergeschichte als Zeitgeschichte, gibt Einblick in die Rolle des Theaters in den jugoslawischen Zerfallskriegen der 90er Jahre, am Beispiel von Bosnien und der Herzegowina in den Jahren des Bosnienkrieges 1992-95.
Die vier Hauptkapitel rücken jeweils eine Stadt in den Fokus: Mostar in der Herzegowina, Tuzla und Sarajewo in Bosnien, Banja Luka in der Republika Srpska. Der Verfasser legt mehr Gewicht auf die drei Provinzstädte als auf die Metropole Sarajevo, deren Theaterentwicklung während der Kriegsjahre schon Gegenstand vorhandener Forschungen war. Die Lektüre der Studie vermittelt ein differenziertes Bild des Bürgerkriegsgeschehens im Bosnienkrieg, in das hier die Theatergeschichte eingebettet wird. Die Entwicklungen des Verhältnisses zwischen Theater und Stadtgesellschaft werden jeweils an ein oder zwei führenden Theatern in der jeweiligen Stadt exemplifiziert.
Sehr klug reflektiert der Verfasser in der Einleitung seine eigene historisch-politische Positionierung als in Wien aufgewachsenes Kind einer bosnisch-muslimischen Familie. Er zeigt auf, welche Rolle seine familiäre Herkunft bei den Recherchen und Gesprächen im ehemaligen Kriegsgebiet spielte. In methodischer Hinsicht besticht die Argumentation durch umsichtige Einbeziehung einer Fülle heterogener Quellen. Der Verfasser stützt sich auf Oral-History-Interviews, Aufführungsaufzeichnungen, Theaterstücke sowie vielfältige Archivalien (Plakate, Fotos, Programmzettel, Rezensionen etc.). Die Arbeit zeigt, wie sich ein Bürgerkriegsgeschehen umfassend in der Theaterentwicklung des Konfliktgebiets spiegelt. Die Theater sind im Grunde keine Inseln oder Schutzräume (wobei dieser Gedanke im Sarajevo-Kapitel ausführlich erörtert wird), sondern werden von den Kriegsparteien auf unterschiedlichste Weise instrumentalisiert, lassen sich vereinnahmen etc. Man könnte hier mit einigem Recht von einem „Einbruch der Zeit in das Spiel“ sprechen.
Die Stärke der Arbeit liegt in ihrem wichtigen, substantiellen Beitrag zu dem in den letzten Jahren stetig an Bedeutung gewinnenden Forschungsfeld Kriegstheater; mitreißend und materialnah geschrieben, bietet sie genaueste Mikro-Einblicke in die jeweiligen Stadtgesellschaften und die Rolle des Theaters. Sie wahrt auf souveräne Weise Distanz zu den Narrativen der Kriegsparteien und verbindet Oral History auf innovative Weise mit Diskurs- und Inszenierungsanalysen – eine politische Theatergeschichte von höchster Relevanz. Dies kompensiert in vollem Umfang den Verzicht auf eine explizite und ausgeweitete Theorie- und Methodendiskussion, die gleichwohl implizit im Text geleistet ist. Insgesamt handelt es sich um eine herausragende voll preiswürdige Arbeit.“

Die Jury bestand aus Dr. Wolfgang Jansen, Dr. Britta Marzi, Dr. Lea-Sophie Schiel, Prof. Dr. Meike Wagner (Sprecherin) und Prof. Dr. Matthias Warstat.

 

 

Bd. 81 der Schriften: Perspektiven auf Max Herrmann

Band 81 der Schriften der Gesellschaft für Theatergeschichte widmet sich Max Herrmann, dem Begründer der universitären Theaterwissenschaft in Berlin und langjährigen Vorsitzenden der Gesellschaft für Theatergeschichte:

Stephan Dörschel, Matthias Warstat (Hg.): Perspektiven auf Max Herrmann. 100 Jahre Forschungen zur deutschen Theatergeschichte. Berlin 2018. 208 S. mit 25 Abb. ISBN 978-3-924955-22-9

 

Der Band versammelt u.a. die Vorträge, die 2014 auf dem Max Herrmann-Symposium gehalten worden sind. Inhalt

Informationen zum Symposium erhalten Sie hier.

 

 

 

 

Die Mitglieder der Gesellschaft für Theatergeschichte haben den Band im Rahmen ihrer Mitgliedschaft erhalten.

Interessierte Nicht-Mitglieder können den Band, sofern noch vorhanden, über die Wissenschaftliche Verlagsbuchhandlung Skulima www.skulima.de bzw. antiquarisch erwerben oder Sie wenden sich unter der E-Mail schriftfuehrer1@theatergeschichte.org
an den Ersten Schriftführer Stephan Dörschel.

 

Gesellschaftsabende

Aufgrund der Covid19-Pandemie können wir derzeit leider keine Gesellschaftsabende durchführen; wir hoffen aber, Ihnen im Laufe des Jahres 2022 wieder Veranstaltungen anbieten zu können.

 

Theatergeschichte aktuell

Unseren Newsletter Nr. 54 finden Sie unter
Theatergeschichte aktuell 54 (Januar-Februar 2022)

Möchten Sie den Newsletter regelmäßig per E-Mail zugeschickt bekommen? Dann kontaktieren Sie bitte den Ersten Schriftführer Stephan Dörschel.
E-Mail: Schriftfuehrer1@Theatergeschichte.org

Online-Spielpläne der Theater

Viele Theater bieten auf ihren Websites einen online-Spielplan an und zeigen dort live-Übertragungen, aufgezeichnete aktuelle oder historische Aufführungen sowie eigens für den Stream produzierte Produktionen.
Eine Übersicht bietet Nachtkritik.de auf seiner Website bzw. unter diesem Link

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Dokumentation Wiener Theater

Paul S. Ulrich, Vorsitzender der Gesellschaft für Theatergeschichte, hat mit dem Wien-Band den ersten Teil seiner geplanten Dokumentationsreihe zu Topographie und Repertoire von europäischen Theaterstädten und -regionen vorgelegt.

Wiener Theater (1752-1918). Dokumentation zu Topographie und Repertoire anhand von universalen Theateralmanachen und lokalen Theaterjournalen. mit einem Überblick zu Zeitungen mit Theaterreferaten und deren Referenten. (Topographie und Repertoire des Theaters. 1: Österreich: Wien) Wien: Hollitzer 2018. L, 363 S.

Den Flyer des Verlags in Englisch und Deutsch finden Sie hier.