46. Gesellschaftsabend am 10. März 2023, 19 Uhr: Carsten Jung
Neues vom alten Ekhof
Den sollte jeder kennen: den Schauspieler, Theaterleiter, Akademiegründer, Freimaurer, Übersetzer, Dichter und Theaterhistoriker Conrad Ekhof (1720-1778). Er gilt als „Vater der deutschen Schauspielkunst“ und wurde so zu einem festen Bezugspunkt in der Theatergeschichtsschreibung. Wie ist es dazu gekommen – und ist diese Einordnung heute noch zutreffend?
Um diese Frage zu beantworten, hat der Theaterwissenschaftler und Kulturmanager Carsten Jung einen Quellenband zu Conrad Ekhof erarbeitet, der dieses Jahr erscheinen wird. In seinem Vortrag gibt er nun einen Werkstattbericht: Wie hat sich die Ekhof-Forschung seit 1778 entwickelt? Welche Dokumente waren bisher bekannt – und welche neuen Dokumente sind in den letzten Jahren gefunden worden? Was hat sich bestätigt vom bisher Bekannten und welche neuen Erkenntnisse ergeben sich aus den neuen Dokumenten?
Die Einladung als PDF finden Sie hier.
Beginn 19 Uhr; der Eintritt ist frei - Gäste sind herzlich willkommen!
Ort: Kulturvolk | Freie Volksbühne Berlin e.V.
Ruhrstr. 6
10709 Berlin
(U Fehrbelliner Platz/Konstanzer Straße)
www.kulturvolk.de
Paul S. Ulrich: Topographie und Repertoire des Theaters, Bd. 1-3
Buchpräsentation am 30. November 2022 in Berlin


Am 30. November stellte das Wiener, privat geführte Don Juan Archiv im Vorlesungssaal des Instituts für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin die ersten drei Bände der im Hollitzer Verlag neu etablierten Reihe "Topographie und Repertoire des Theaters" einem interessierten Fachpublikum vor. Paul S. Ulrich, der Vorsitzende der Gesellschaft für Theatergeschichte, veröffentlichte hier auf insgesamt über 1500 Seiten einen Ausschnitt seiner jahrzehntelangen Recherche und Auswertung von Theater-Journalen des ausgehenden 18. bis zum beginnenden 20. Jahrhunderts.
Prof. Dr. Matthias Warstat begrüßte die Anwesenden nicht nur als Hausherr, sondern vermittelte auch in kurzen Worten die Bedeutung dieser Arbeit für die theaterwissenschaftliche Forschung und Lehre. Der erste Schriftführer der Gesellschaft, Stephan Dörschel, machte in seinem kurzen Grußwort deutlich, wie Paul S. Ulrich einerseits auf eine sehr große Anzahl von Personen angewiesen war, die ihm bei seinen Recherchen unterstützten, dass es aber Ulrich allein gewesen sei, der diese Sammlung zusammengetragen, strukturiert und analysiert habe.
Als Laudator hatte sich Ulrich den Theaterhistoriker und wohl Berlins profundesten Kenner der Materie, Dr. Rainer Theobald gewünscht und dessen Ausführungen erbrachten nicht nur einen knappen, konzisen Aufriss der vorliegenden drei Bände, die mit der Bibliografie der bisher aufgefundenen Theater-Journale den wissenschaftlichen Zugang zu ihnen ebnen, sondern mit der Auflistung sämtlicher Herausgeber*innen - überwiegend handelt es sich hierbei um Souffleusen und Souffleure oder Zettelträger*innen, also Theaterpersonal, das sonst überhaupt nicht Erwähnung findet - auch hier wieder eine ganz neue Perspektive in die Betrachtung des Theaterapparats einbringt. Der dritte Band, so Theobald, enthält wohl das Wichtigste: das Repertoire der damaligen Bühnen mit einer Unzahl von heute unbekannten Stücken und Stückbearbeitungen.
Schließlich stellte Dr. Matthias J. Pernerstorfer, Direktor des Don Juan Archivs und Mitherausgeber der Reihe, das ganze Editionsprojekt vor und gab einen faszinierenden Ausblick auf eine frei recherchierbare online-Version der digitalisierten Theater-Journale. Zum Abschluss ergriff Paul S. Ulrich das Wort, dankte den an dem Projekt Beteiligten - anwesend waren auch noch Andrea Gruber von der Bibliothek des Don Juan Archivs und Marcus Ebner, der das Projekt als IT-Experte betreut - und gab bekannt, dass er auch noch am Tag der Buchvorstellung acht bisher unbekannte Theater-Journale ausfindig machen konnte - das Projekt geht also weiter. Angemerkt sei, dass an der Universität zu Köln bereits an der Online-Verfügbarkeit von Paul S. Ulrichs Datenbank gearbeitet wird.
Bibliographische Mitteilungen aus der Theatersammlung Rainer Theobald
Aktualisierte Listen

Folgende Bibliographischen Mitteilungen aus der Theatersammlung Rainer Theobald wurden im Juni 2022 aktualisiert und um neue Einträge ergänzt:
2 A, B, C - Theaterbau, Bühnentechnik und Bühnenbild der Neuzeit
6 - Vor 1800 im deutschen Sprachraum (außer im Habsburger Kaiserreich) gedruckte Opern-, Singspiel- und Ballett-Libretti
8 A, B - Gesamtverzeichnis der vor 1800 gedruckten Libretti von Opern, Singspielen und Balletten
Die Bibliographischen Mitteilungen laden ein, in dieser überaus umfangreichen privaten Theatersammlung zu recherchieren und gegebenenfalls mit Dr. Rainer Theobald in Kontakt zu treten. Weitere Listen sind in Vorbereitung.
Sie gelangen zu den Bibliographischen Mitteilungen über den Menüpunkt „Publikationen/sonstige Ressourcen und Quellen“ bzw. diesen Link.
Infostand beim Sommerfest von Kulturvolk

Nach zweijähriger coronabedingter Zwangspause fand am 25. Juni 2022 wieder ein Sommerfest von Kulturvolk | Freie Volksbühne Berlin statt und die Gesellschaft für Theatergeschichte präsentierte ihre Arbeit und Publikationen an einem Infostand.
Zwischen den Ständen Berliner Theater, Orchester und Opernhäuser, die ihre Programme für die kommende Spielzeit vorstellten, mag manchen Besucher*innen die Beschäftigung mit Theatergeschichte vielleicht exotisch erschienen sein, aber die intensiven Gespräche und Begegnungen zeigten, dass unser Beitrag in diesem Umfeld wieder einen interessanten und auch willkommenen Akzent setzen konnte.
Max-Herrmann-Dissertationspreis der Gesellschaft für Theatergeschichte 2021
Preisverleihung an Robert Sollich



Am 11. Dezember 2021 fand im Hörsaal des Instituts für Theaterwissenschaft der FU Berlin die Verleihung des Max-Herrmann-Dissertationspreises der Gesellschaft für Theatergeschichte 2021 an Robert Sollich für seine Arbeit Die Kunst des Skandals. Eine deutsche Operngeschichte seit 1945 (Freie Universität Berlin 2019) statt.
Prof. Dr. Matthias Warstat / FU Berlin und Paul S. Ulrich / Gesellschaft für Theatergeschichte begrüßten die Gäste und Stephan Dörschel erinnerte an den Namensgeber des Preises Max Herrmann, den Gründungsvater der Berliner Theaterwissenschaft und langjährigen Vorsitzenden der Gesellschaft für Theatergeschichte.
Nach der Laudatio von Prof. Dr. Dr. hc. Erika Fischer-Lichte überreichte Paul S. Ulrich die Urkunde. In seinen Dankesworten berichtete Robert Sollich vom Entstehungsprozess seiner Arbeit und stellte zwei der behandelten Opernproduktionen exemplarisch vor.
In der Begründung der Jury heißt es:
„Die umfangreiche Studie von Robert Sollich vollzieht die deutsche (auch deutsch-deutsche) Operngeschichte nach 1945 – die Fokussierung auf „Oper“ innerhalb des breiteren Begriffsverständnisses von „Musiktheater“ ist für die Argumentation maßgebend – als Folge von wohl als kanonisch zu bezeichnenden Skandalereignissen und kontrovers rezipierten ästhetischen Konzepten nach. Den theoretischen Bezugsrahmen gibt neben skandaltheoretischen Positionen der Soziologie, die im Wesentlichen den politischen Skandal adressieren, Pierre Bourdieus Feldtheorie vor. Ein Schwerpunkt des präsentierten Materials liegt auf einschlägigen Etappen und Produktionen der neueren Geschichte der Bayreuther Festspiele (namentlich Wieland Wagners Inszenierungen von Die Meistersinger von Nürnberg, Götz Friedrichs Tannhäuser und Patrice Chéreaus Der Ring des Nibelungen). Verf. begreift die von ihm vorgestellten Ereignisse als zentrale[] potentielle[] historische[] Umschlagpunkte[] der Operngeschichte“ (S. 522). Zu den wichtigen Ergebnissen der detail- und wendungsreichen Analysen gehört die Konstatierung einer „wesenhaften Unschärfe von Theaterskandalen“ (ebd.). […]
Demgegenüber erkannte die Jury in der Arbeit von Robert Sollich die von der Gesellschaft für Theatergeschichte formulierten Vergabekriterien in hohem Maße erfüllt: die fleißige und materialreiche, auf einer breiten Basis theoretischer Positionen operierende Studie kann für sich in Anspruch nehmen, zur Grundlagenforschung beigetragen und ihr Thema, den Opern-/Theaterskandal, dem die Forschung bislang lediglich am Rande Aufmerksamkeit geschenkt hat, auf beachtlichem Reflexionsniveau behandelt zu haben.“
Die Jury bestand aus Prof. Dr. Stefan Hulfeld, Dr. Wolfgang Jansen, Prof. Dr. Marion Linhardt (Sprecherin), Dr. Britta Marzi und Dr. Lea-Sophie Schiel.
Die Laudatio von Prof. Dr. Dr. hc. Erika Fischer-Lichte finden Sie hier.
Die Veröffentlichung der Arbeit von Robert Sollich wird demnächst im Wehrhahn-Verlag erfolgen.
Bd. 82 der Schriften der Gesellschaft für Theatergeschichte erschienen
„Enthusiasmus ist noch zu wenig gesagt“ Die Stars des romantischen Balletts: sechs biographische Pas de deux

Frank-Rüdiger Berger:
„Enthusiasmus ist noch zu wenig gesagt“
Die Stars des romantischen Balletts: sechs biographische Pas de deux
(= Schriften der Gesellschaft für Theatergeschichte, Bd. 82)
Hardcover, 340 S. (Register von Paul S. Ulrich)
90 teils ganzseitige Farbabbildungen
ISBN 978-3-924955-23-6
59,- €
Das Inhaltsverzeichnis finden Sie hier.
Die Gesellschaft hat in ihrer über 100jährigen Geschichte noch keine explizit dem Bühnentanz gewidmete Publikation herausgegeben! Unser Vorstandsmitglied Frank-Rüdiger Berger hat dafür auf seine Vortragsreihen zum romantischen Ballett zurückgegriffen und diese, insbesondere hinsichtlich der Berliner Ballettgeschichte, durch weitere Forschungen ergänzt. Es ist außerordentlich spannend zu erfahren, wie es auch immer wieder die Frauen sind, die hier in einer Männerdomäne nicht nur als Objekt ästhetischer Projektionen dienen, sondern durchaus auch leitend, d. h. hier choreographierend die Entwicklung vorantreiben und bestimmen. Mit seinen zahlreichen zeitgenössischen Illustrationen und Zitaten vermittelt dieses Buch aber auch die ästhetischen Vorstellungen des romantischen Balletts in der bildenden Kunst und Literatur. Theater ist hier ein genreübergreifendes Phänomen. (Stephan Dörschel)
Die Mitglieder der Gesellschaft für Theatergeschichte haben den Band im Rahmen ihrer Mitgliedschaft erhalten.
Interessierte Nicht-Mitglieder können den Band bestellen über:
Gesellschaft für Theatergeschichte e. V.
Herrn Stephan Dörschel
E-Mail schriftfuehrer1@theatergeschichte.org
Max-Herrmann-Dissertationspreis der Gesellschaft für Theatergeschichte 2020
Preis verliehen an Senad Halilbašić




Erstmals zeichnete die Gesellschaft für Theatergeschichte in diesem Jahr eine herausragende theatergeschichtliche Dissertation mit dem neu ausgelobten Max-Herrmann-Dissertationspreis der Gesellschaft für Theatergeschichte aus.
Der Vorstand der Gesellschaft erkannte den Preis auf Vorschlag der Jury Senad Halilbašić für seine Arbeit „Spielende und Zuschauende sowie eine Granate, die weit genug weg ist“. Theater in Bosnien und Herzegowina 1992-1995 zu.
Die Preisverleihung fand am 21. Oktober 2020 in einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Preisverleihung des Max-Herrmann-Preises der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin statt. Die Laudatio hielt Stephan Dörschel. Senad Halilbašić schloss in seine Danksagung einen flammenden Appell für das lebendige Theater ein, gerade auch in Krisenzeiten, wie es damals in Bosnien war und wie es heute durch die Covid19- Pandemie ist.
In der Begründung der Jury heißt es:
„Die Dissertationsschrift bietet Theatergeschichte als Zeitgeschichte, gibt Einblick in die Rolle des Theaters in den jugoslawischen Zerfallskriegen der 90er Jahre, am Beispiel von Bosnien und der Herzegowina in den Jahren des Bosnienkrieges 1992-95.
Die vier Hauptkapitel rücken jeweils eine Stadt in den Fokus: Mostar in der Herzegowina, Tuzla und Sarajewo in Bosnien, Banja Luka in der Republika Srpska. Der Verfasser legt mehr Gewicht auf die drei Provinzstädte als auf die Metropole Sarajevo, deren Theaterentwicklung während der Kriegsjahre schon Gegenstand vorhandener Forschungen war. Die Lektüre der Studie vermittelt ein differenziertes Bild des Bürgerkriegsgeschehens im Bosnienkrieg, in das hier die Theatergeschichte eingebettet wird. Die Entwicklungen des Verhältnisses zwischen Theater und Stadtgesellschaft werden jeweils an ein oder zwei führenden Theatern in der jeweiligen Stadt exemplifiziert.
Sehr klug reflektiert der Verfasser in der Einleitung seine eigene historisch-politische Positionierung als in Wien aufgewachsenes Kind einer bosnisch-muslimischen Familie. Er zeigt auf, welche Rolle seine familiäre Herkunft bei den Recherchen und Gesprächen im ehemaligen Kriegsgebiet spielte. In methodischer Hinsicht besticht die Argumentation durch umsichtige Einbeziehung einer Fülle heterogener Quellen. Der Verfasser stützt sich auf Oral-History-Interviews, Aufführungsaufzeichnungen, Theaterstücke sowie vielfältige Archivalien (Plakate, Fotos, Programmzettel, Rezensionen etc.). Die Arbeit zeigt, wie sich ein Bürgerkriegsgeschehen umfassend in der Theaterentwicklung des Konfliktgebiets spiegelt. Die Theater sind im Grunde keine Inseln oder Schutzräume (wobei dieser Gedanke im Sarajevo-Kapitel ausführlich erörtert wird), sondern werden von den Kriegsparteien auf unterschiedlichste Weise instrumentalisiert, lassen sich vereinnahmen etc. Man könnte hier mit einigem Recht von einem „Einbruch der Zeit in das Spiel“ sprechen.
Die Stärke der Arbeit liegt in ihrem wichtigen, substantiellen Beitrag zu dem in den letzten Jahren stetig an Bedeutung gewinnenden Forschungsfeld Kriegstheater; mitreißend und materialnah geschrieben, bietet sie genaueste Mikro-Einblicke in die jeweiligen Stadtgesellschaften und die Rolle des Theaters. Sie wahrt auf souveräne Weise Distanz zu den Narrativen der Kriegsparteien und verbindet Oral History auf innovative Weise mit Diskurs- und Inszenierungsanalysen – eine politische Theatergeschichte von höchster Relevanz. Dies kompensiert in vollem Umfang den Verzicht auf eine explizite und ausgeweitete Theorie- und Methodendiskussion, die gleichwohl implizit im Text geleistet ist. Insgesamt handelt es sich um eine herausragende voll preiswürdige Arbeit.“
Die Jury bestand aus Dr. Wolfgang Jansen, Dr. Britta Marzi, Dr. Lea-Sophie Schiel, Prof. Dr. Meike Wagner (Sprecherin) und Prof. Dr. Matthias Warstat.